Ausbildungsanforderungen der Wirtschaft von heute

Über aktuelle Veränderungen bei Arbeitnehmer/innen und Arbeitgeber/innen.

Gesellschaftliche, technologische und wirtschaftliche Veränderungen haben Auswirkungen auf die Anforderungen an Ausbildungsinstitutionen und an AbgängerInnen, aber auch an Unternehmerinnen und Unternehmer. Im Interview mit Jochen Ressel umreißt Johannes Gschwandtner, Gründer und Geschäftsführer des Technologieunternehmens technosert, seine Sicht auf die aktuelle Situation.

Herr Geschwandtner, Sie beschäftigen als stark wachsendes Technologieunternehmen laufend AbgängerInnen technischer Lehranstalten. Welche Veränderung nehmen Sie mit dem Blick auf die letzten Jahre wahr?

Aus meiner Sicht gibt es zwei Dimensionen, der Veränderung: Einerseits die fachliche Komponente und die Veränderung des Lebensempfindens der Gesamtgesellschaft. Bei diesem zweiten Aspekt ist stark spürbar, dass Teamfähigkeit sowie die holistische Betrachtung von Aufgabenstellungen immer wesentlicher wird. Die Qualität einer technischen Lösung muss angereichert sein mit der Wahrnehmung ethischer Faktoren: Wir wirkt die Lösung auf die Ökologie und mit welchen sozialen Wirkungen ist zu rechnen?

Zur Frage der fachlichen Komponente ist zu sagen, dass die Spezialisierungen der technischen Bereiche immer selektiver werden. Das wird zusätzlich potenziert durch eine wachsende Differenzierung zwischen den Unternehmen. Anders ausgedrückt: Außer einer steigenden Anzahl von technischen Fachbereichen variieren die Ausbildungsanforderungen zusätzlich, ob ich nun für ein Start-up, einen Familienbetrieb oder einen internationaler Konzern tätig werden will. All das macht Ausbildung im technischen Bereich zu einer sehr komplexen Angelegenheit.

Hat das Bildungssystem überhaupt die Chance, diesen Gordischen Knoten zu lösen?

Es gibt Punkte, die man diskutieren muss, um herauszufinden, was sinnvollerweise getan werden kann, um die Situation für Arbeitssuchende und ArbeitgeberInnen gleichermaßen zu verbessern. Ich denke, dass die Diversität, die wir gerade angesprochen haben, in der Ausbildung zu wenig berücksichtigt wird, bzw. dass wir uns in die falsche Richtung bewegen. Denn immer mehr verschiedene Anforderungen können nicht bedeuten, dass wir immer mehr Spezialisierungen einführen. Im Gegenteil: Je mehr es gibt, desto breiter und umfassender muss mein Denkkonzept sein, weil ich sonst für den Großteil der Anforderungen zu spezialisiert bin.

Es muss daher eine Lernstruktur überlegt werden, die breit angelegtes Denken fördern kann. Aus meiner Sicht geht das u.a. durch weniger frontales oder experimentelles Lernen, wie z. B. in Schulwerkstätten, und durch eine massive Ausweitung von Praxiszeiten in Unternehmen, damit ein Verständnis entsteht, was in der Wirtschaft überhaupt gebraucht wird – und dabei spreche ich vorwiegend von Soft Skills. Eine fortschreitende technische Spezialisierung der Ausbildung bringt auch aus einem weiteren Grund wenig. Die Geschwindigkeit des technischen Fortschritts potenziert sich. Je spezialisierter ich bin, desto schneller „veraltet“ das technische Wissen und ich bleibe nur in dem kleinen Bereich meiner Spezialisierung up-to-date.


Was bedeutet das alles für UnternehmerInnen, die AbsolventInnen beschäftigen wollen?

Wir müssen kapieren, dass wir eine Verbindung von langfristiger Unternehmensstrategie und kurzfristiger Projektarbeit herstellen müssen. Wir müssen wissen, wohin wir auf lange Sicht gesehen hinwollen und brauchen eine Vorstellung, mit welcher Art von Menschen wir das erreichen können. Auf der anderen Seite haben wir Projekte, die ein oder zwei Jahre dauern und wo wir eine ganz besondere Anforderung vorfinden, die wir durch eine Person abdecken, die wir am Arbeitsmarkt für diesen Projektzeitraum „einkaufen“. Die junge Generation hat damit auch kein Problem – sie ist flexibel und weiß, dass sie einmal dort und einmal da arbeitet. Aber wenn sich Lebenskonzepte verändern, verändert sich auch der Zugang zur Projektarbeit, weg von der Kurz- und hin zur Langfristigkeit, und dann müssen die Menschen wissen, bei welchen Unternehmen sie andocken können.


Die Frage der Lang- und Kurzfristigkeit hängt mit dem Vergütungssystemen unmittelbar zusammen. Welche Trends merken Sie in diesem Bereich?

Vielen AbgängerInnen wurde im Rahmen ihrer Ausbildung suggeriert, dass sie über nobelpreiswürdiges Wissen verfügen, dass der Markt unglaublichen Bedarf hat und dass sie daher unglaublich viel Wert sind. Die Sache hat nur einen Haken: Das hat mit der Realität nichts zu tun. Die meisten Unternehmen stehen unter Druck und haben ihre Kostenstruktur sehr sorgfältig im Blick. Es stimmt, momentan braucht der Markt viele technisch versierte Arbeitskräfte, aber nicht zu jedem Preis. Es ist daher keine gute Zeit für überzogene Gehaltsvorstellungen. Noch dazu, wo sich der Bedarf durch eine einzige technische Innovation innerhalb kürzester Zeit von einer Spezialisierung zu einer anderen verändern kann, was wir ja laufend erleben. AbsolventInnen sind daher gut beraten an Firmen anzudocken, die außer einer kurzfristigen Projektorientierung auch langfristig Perspektive bieten. Denn die jungen Menschen leben auch noch lange und im Laufe der ersten Jahre nach dem Berufseinstieg verändert sich für die meisten sehr viel: Am Beginn spielt das Geld eine größere Rolle, aber nach einem oder zwei Jahren gibt es eine fixe Freundin, es werden Familien gegründet und plötzlich diskutiert man nicht mehr über das Geld, sondern über Arbeits- und Freizeit-Regelungen. Lebensprioritäten ändern sich und das muss Arbeitsuchenden wie auch ArbeitgeberInnen bewusst sein.


Abschließend die Frage, was die Gesamtgesellschaft beitragen kann, um die Ausbildungssituation zu verbessern?

Freude am Lernen und an der Arbeit ist ok! Das muss als Wert vermittelt werden. Wenn ein Radiosender am Montag die Diktion ausgibt, dass es nur noch fünf Tage dauert, bis das Leben wieder schön ist, denn dann ist wieder Wochenende, läuft etwas in der Gesamtgesellschaft in die falsche Richtung. Alles, was Freizeit verhindert, wird vielfach stigmatisiert. Daher müssen Familie, Freunde, Kindergarten, Grundschule bis hin zur Höheren Lehranstalt und Uni vermitteln, dass man Lernen und Arbeiten freudvoll erleben kann, weil es das eigene Talent fördert. Wie wir Talentmanagement leben, wird daher von entscheidender Bedeutung sein!

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Jochen Ressel vom Senat der Wirtschaft.

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Senat der Wirtschaft Österreich